Freitag, 18. Februar 2011

Kamerun ist das einzige friedliche Land...

(wegen fehlender Internetverbindung, kommt der Bericht heute statt Montag, den 14.)

Dies waren die Hauptzeilen vieler Lieder, die am vergangenen Freitag zur Wiedervereinigung Kameruns gesungen wurden. Wir als Europaer mussten bei dem Gesang dieser Zeilen zwar etwas schmunzeln, aber im Vergleich mit anderen afrikanischen Laendern muss man schon klar sagen, dass Kamerun ein Land ist indem weitesgehend Frieden herrscht. Und das trotz der grossen Vielfalt und Unterschiede, die in vielen anderen Laendern oefter zu Buergerkriegen fuehren. Das Land ist geteilt in den christlichen Sueden und den muslimischen Norden. Insgesamt gibt es in Kamerun circa 170 verschiedene Staemme, die alle unterschiedliche lokale Sprachen sprechen. Weiterhin ist das Land in einen englischen und franzoesischen Teil geteilt, was oft zu Sprachproblemen fuehrt.

Nichtsdestotrotz glauben hier, insbesondere im englischsprachigen Teil von Kamerun, dass das Jahr 2011 Veraenderungen bringen wird. Im Oktober steht die naechste Praesidentschaftswahl an und obwohl vergangenen Freitag mit grossem Tamtam die Wiedervereinigung des franzoesischen und englischen Teils (1961) gefeiert wurde, scheinen hier viele die Wiedervereinigung fuer einen Fehler zu halten. 1961 gab es fuer die beiden englischen Provinzen (ehemals britisch, die anderen Provinzen waren franzoesische Kolonien) ein Referendum, bei dem die Mehrheit dafuer stimmte zu Kamerun zu gehoeren und nicht zu Nigeria. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich nicht traurig bin im Oktober nicht mehr hier zu sein. Nachdem was dieses Jahr bereits in anderen Laendern passiert ist (auch wenn man das nicht ganz vergleichen kann mit der situation Kameruns) haben hier viele Leute Angst vor potentiellen Ausschreitungen.

Nun aber genug von Geschichte und Politik, kommen wir zurueck zu den Feierlichkeiten. Letzte Woche waren fuer den Freitag die Schulen eigentlich nur noch damit beschaeftigt Fussball und Handball Spiele vorzuziehen, marschieren zu ueben sowie ihre Gesangs- und Tanzeinlagen zu ueben. Das hiess fuer uns eigentlich gar kein Unterricht geben. Nur einmal beschloss die Rektorin mir dann die 3 Klassen zu geben, die gerade keine Lehrer hatten, der sie beschaeftigen konnten. Sprich 150 Kinder eingequetscht in einem Klassenraum und ich sollte ihnen nun Franzoesisch beibringen. Wohlbemerkt es waren es die Klassen 3, 5 und 6, deshalb von dem Leistungsniveau Lichtjahre entfernt. Ich habe dann versucht Galgenraten zu spielen, Lieder zu singen und andere Formen von Beschaeftigungstherapie zu etablieren. Der einzige der mir dabei Gesellschaft leistete war unser sehr “netter” Disziplinlehrer, der eigentlich nur dafuer da ist Sachen zu rufen wie “Stop the noise”, mit seinem Stock auf Tischen rumzukloppen oder im schlimmsten Fall Kinder zu schlagen. Und es musste leider so kommen. Ein Kind fing auf einmal mitten im Unterricht an zu weinen. Als ich fragte was denn los sei, konnte es nicht antworten. Leider bekam das der nette Disziplinlehrer mit und das weinende Kind beschuldigte dann die Sitznachbarin sie haette ihn gehauen. Alles ging so schnell und ich war wirklich ueberfordert mit der Situation. Ich wusste wirklich icht wie ich zu reagieren habe: was gegen das System sagen, dazwischen gehen oder einfach in dem Moment es hinzunehmen. Das kind bekam mit einem Stock harte Schlaege auf den Ruecken und als es den Traenen nahe war sagte der Lehrer, wenn sie anfangen wuerde zu weinen, wird er mit dem stock in ihr Gesicht schlagen. Das schlimmste daran war, dass das andere Kind, welches das Maedchen beschuldigt hat, danach sofort wieder strahlen und lachen konnte. Ein weiteres Zeichen fuer die in weiten Teilen doch, was mich sehr verwundert, egoistische und teilweise boesartige Einstellung vieler Leute. Dies war mit Abstand der schwierigste Moment bisher. Da ich (gott sei dank) sehr antiautoritaer erzogene wurde, so etwas nie selber vorher erlebt oder gesehen habe und weiss wie Schule zu Hause ist und auch sein sollte, war das mit Abstand das schockierendste was ich bisher in meinem Leben erlebt habe. Danach versuchte ich die Stunde so schnell es geht irgendwie, wie auch immer, rumzukriegen. Sobald ich aus der Tuer raus war, flossen die Traenen einfach nur noch und zum Glueck konnte ich mit Ruth spaeter drueber reden. Aber selbst beim Schreiben macht mich diese Form von Unterricht immer noch wuetend und traurig. Zumal selbst die kamerunische Verfassung besagt, dass physische gewalt in jeglicher Form verboten ist. Aber leider ist es hier immer ein Unterschied was verschriftlicht ist und was in der Praxis passiert. Ich werde auf jeden Fall probieren, dass zumindest in meinem Unterricht niemand mehr geschlagen wird! Ist es eben nur generell ein grosser Zwispalt und kein Freiwilliger weiss ein Patentrezept, um das Problem irgendwie zu loesen…

Nun aber auch Schluss mit den traurigen Geschichten aus Belo und endlich zurueck zu dem nationalen Feiertag.Am Freitag war also nun der grosse Youth Day! Dies hiess die Schulen marschierten durch Belo und es gab Wettbewerbe in Singen und Tanzen. Das war wirklich super spannend, wenn auch unser Stadtzentrum komplett ueberfuellt war. Insbesondere das Singen war total beeindruckend. Wohl das produktivste was ich bisher in Schulen hier gesehen habe. Jede Schule sendet einen eigenen Schulchor, der dann selbst geschriebene Lieder vortraegt. Wenn man das dann sieht und hoert, denkt man sich warum wir das nicht am 3. Oktober zum Beispiel zu Hause machen. Sollte dies nicht auch ein Grund fuer uns seine in bisschen mehr zu feiern? Und vor allem die Kreativitaet der Kinder zu foerdern. Ich faend es auf alle Faelle toll! Die Videos bekommt ihr dann zu sehen, wenn ich wieder daheim bin. Meine Schule ist bei der Vorentscheidung leider nur 5. Geworden und hat sich deshalb nicht dafuer qualifiziert am Youth Day fuer die “hohen Tiere” von Belo zu singen und wohlmoeglich Preise abzustauben. Dafuer waren sie in der Kategorie “Marschieren” unter all den Grundschulen die Besten. Einige Schueler haben mich auch gefragt ob wir zu Hause marschieren oder ob ich mitmarschieren wuerde. Im Gegensatz zu den Gesangseinlagen, die ich wirklich gerne zu Hause haette, bin ich froh dass Marschieren in Deutschland nicht den Stellenwert hat wie in Kamerun.

Ansonsten ist vieles inzwischen Routine: Nachmittagsbetreuung, Waesche waschen, Waisenkinder besuchen, am Computer fuer das Tourismusprojekt arbeiten, Deutschunterricht geben etc. Und am Wochenende dann die Wasserfaelle der Gegend entdecken und dabei von einer Horde Kinder verfolgt zu werden. Nun entlasse ich euch fuer diese Woche wieder und hoffe ihr habt den Bericht ueber 50 Jahre Unabhaengigkeit trotz Geschichte, Politik und einem schlechten Bildungssystem gut ueberstanden. Bis bald!

Bild 1: unser Verfolger als wir den Wasserfall begutachten wollten; Foto2: Collins und ich bei dem Youth Day; Bild 3: Youth Day - Marschieren um die Preise; Bild4: Die Mbingo Cliffs

























Sonntag, 6. Februar 2011

Here comes the rain again...

Ja ihr habt richtig gelesen, der Regen hat Belo erreicht. Und das einen Monat zu frueh. Angeblich ist es zwar normal, dass es bereits im Februar ab und an ein bisschen regnet. Aber die vergangenen Tage hatten wir jeden Nachmittag einen kurzen Regenschauer. Auf unserem Wellblechdach hoert sich das dann genau so schoen an wie in einem Zelt. Nur das es manchmal so intensiv und laut ist, dass man sich so gut wie gar nicht unterhalten kann. Wir haben uns auf alle Faelle ueber den Regen gefreut. Unsere Nachbarn denken nun endgueltig dass wir verrueckt sind, nachdem sie uns im Regen haben tanzen sehen. Ein weiterer Vorteil ist, dass die ganzen Wege, die vorwiegend aus Sand bestehen, nun nicht mehr staubig sind. Der Regen ist zum Glueck noch nicht so intensiv, dass diese sich in Schlammschlachtfelder verwandeln.

Ansonsten haben wir vergangene Woche unsere Nachmittagsbetreuung mit den Kindern gestartet. Die Kinder sind wirklich super suess und generell sehr lieb. Das einzige Problem ist hier nur Teamarbeit. Generell ist e shier in der Gegend nicht ueblich mit anderen Leuten, vor allem anderen Organisationen, zusammenzuarbeiten. Dieses Denken wird den Kindern schon frueh in der Schule vermittelt in dem interne Klassenranglisten aufgestellt werden und ermittelt wird welches Kind das Beste ist. Also generell zaehlt es der Beste zu sein und das moeglichst ohne mit anderen zusammenzuarbeiten. Es wirkt fast so als ob die Leute hier, zumindest die meisten, allergisch gegen Gruppenarbeit und Kooperation sind. Dies haben wir auch selbst erleben duerfen, als wir versucht haben mit den Kindern Galgenraten und Voelkerball zu spielen. Dann verwandeln sich die kleinen suessen Kinder naemlich manchmal in kleine Monster und uebernehmen die Verhaltensweisen ihrer Lehrer und Eltern. Aggressives Auftreten und gegenseitiges Anschreien sind dann auf der Tagesordnung. Oder auch gerne mal gekloppe um den Ball – selbst im eigenen Team. Somit lautet die Mission fuer Ruth und mich nun, ihnen Teamplay wenigstens ein bisschen naeher zu bringen.

Vergangene Woche war dann auch die Woche der Zweisprachigkeit in der Schule. Eigentlich sollen die Kinder ja sowieso nur Englisch und Franzoesisch in der Schule sprechen, aber um wieder mal einen Grund zu haben nicht zuunterrichten musste die Woche etwas feierlicher aufgezogen werden. Ich nahm das als Anlass und habe mit meinen beiden Klassen franzoesische Lieder gesungen und ihnen ein kleines Gedicht ueber Tiere beigebracht. Die Songs habe ich auch mit meiner Kamera aufgenommen. Ihr koennt euch also ueber 100 singenden Kinder freuen, wenn ich wieder daheim bin.

Seit nun gut 2 Wochen haben wir auch einen neuen Mitbewohner, der uns jedoch in 10 Tagen schon wieder verlaesst. Worueber wir jedoch nicht so traurig sind. Er frisst uns quasi die Haare vom Kopf, versucht witzig zu sein indem er einen eigentlich beleidigt und ist generell schon eher ein dreister und unverschaemter Mensch. Das kann manchmal recht anstrengend sein und erinnert mich an meine Nicoletta Erfahrung in Frankreich. Aber ich atme dann tief durch wenn ich genervt bin und esse ein Haribo Cracker (fuer teures Geld aus Bamenda erstanden). Dann ist die Welt wieder dufte.

Ausserdem habe ich die letzten Wochen genutzt um wieder ein bisschen mehr von Belo zu entdecken. Vor allem die vielen Wasserfaelle in der naeheren Umgebung standen dabei auf dem Programm. So schoen. Falls ich mal meine Ruhe haben will und entspannen moechte, gehe ich dort auf alle Faelle wieder hin. Die lokalen Leute haben generell naemlich Angst vor Wasserfaellen und meiden sie lieber.

Vielen lieben Dank an all diejenigen, die mich mit Rezeptideen versorgt haben. Nun da ich den Food Market in Bamenda kenne, kann ich auch so leckere Sachen wie Rotkohl, Aubergine oder Zucchini ergattern. Daher gab es bereits Nudeln mit einer leckeren Gemuese Sauce und fuer unsere anderen Freiwilligen haben wir diese Woche eigenes Pesto gemacht. Als Nachtisch gab es dann Schokofondue mit Ananas und Banane. Ein Traum, sage ich euch! Ab und an muss man sich schliesslich was goennen. Deswegen haben wir gestern Abend auch wieder ein gemeinsames Abendessen veranstaltet. Im Moment sind wir allein in Belo sage und schreibe 9 Freiwillige und so langsam wird es Tradition, dass wir jeden Samstag zusammen kochen, essen und danach schwaermen wie gut es doch war. Aus diesem Grund gab es gestern wieder lecker Huhn aus Bamenda. Diesmal durfte ich selber das lebende Huhn an den Beinen greifen und gucken ob es gesund und schwer genug ist. Zum Glueck war die Huehnchenfrau auch so nett und hat es danach fuer uns umgebracht und gerupft. Das haette ich mir dann doch nicht zugetraut – vielleicht in 3 Monaten!

Ihr seht also mir gehts weiterhin gut und ich bin munter, gesund und noch voller Energie. Arbeitstechnisch gehts langsam auch ans Tourismusprojekt. Morgen stuerze ich mich dann auch endlich in dieses Projekt, so dass ich wahrscheinlich in naher Zukunft ziemlich ausgelastet sein werde mit dem Waisenprogramm, Unterrichten, Nachmittagsbetreuung und dem Tourismusprojekt. Aber ich freue mich drauf.

Ich meine es kann einem nur gut gehen, wenn…

…in einem Dorf im verlassenen Kamerun an einem Samstag morgen laut “The wind of change” von den Scorpions gespielt wird. Denn das ist ein Stueck Heimat!

…der Himmel nachts nicht dunkel ist, sondern voller leuchtender Sterne und der Vollmond die beste Taschenlamoe ist. (so was habe ich wirklich noch nie gesehen)

…man als Nachtisch wohl das beste Mousse au chocolat essen darf, das man je probiert hat und der Schokobedarf fuer die naechsten Tage gedeckt wird.

…Kinder versuchen meinen Namen auszusprechen und stattdessen Seven, Smith oder Stephan sagen. Das ist schon niedlich. Insbesondere wenn sie dann franzoesisch mit mir reden.

Aber noch besser geht es mir, wenn ich immer mal wieder Neuigkeiten aus der Heimat zugesendet bekomme. Ich denke auf jeden Fall an euch. Bis zum naechsten Mal!

Foto oben: unsere Kueche

Foto1: Wasserfaelle von Belo, Foto2: Sonnenuntergang in Belo, Foto3: ich vor einem der Wasserfaelle, Foto 4: After School Club, Uno spielen, malen und vor allem Rechenaufgaben!